Leseprobe:

Auf dem Dach der Welt

Alles war kalt und staubig, und ich war richtig krank. Nicht erst seit Tagen oder Wochen, es kam mir vor wie Jahre. Seit Jahrzehnten. Geburt Tod Geburt Tod und ich wurde jedes Mal wiedergeboren als nörgelnder, kränklicher Trottel, der in einer düsteren Dachkammer haust. Ich hörte traurige Lieder und wartete vergeblich auf den Anruf des Mädchens, in das ich verliebt war. Ich hörte traurige Lieder in voller Lautstärke, um die Schreie des Pärchens unter mir zu übertönen. Mein Tapedeck kam nicht gegen sie an. Zu allem Überfluss mochten sie nach einer Weile meine Musik, kauften die Platten und hörten sie fortan jedes Mal selbst, wenn sie miteinander vögelten.
Spät in der Nacht besuchten Sluggo und Little G mich oft nacheinander auf dem Dachboden, um sich übereinander zu beschweren. Tagsüber waren sie wieder unzertrennlich: Little G saß dann beispielsweise in seinem Sessel, warf die Angel aus dem Fenster und versuchte, ein paar von den Putzerfischen zu fangen. Er nahm Zigaretten als Köder. Sluggo musste daraufhin so lachen, bis er hustete, davon musste er wieder lachen, dann wieder husten. Während ich schlief, aß er für gewöhnlich meine Vorräte auf, war „zu pleite“, um die Hausgemeinschaft mit Essbarem zu versorgen, führte aber Vanessa in schicke Restaurants aus. Little G traf sich mit Judy, und ich heulte mir in meiner Dachkammer die Augen aus. Eine schreckliche Zeit.
Ich träumte unruhige Träume vom Zusammenleben in früheren, mythischen Zeiten. Nicht unsere eigenen mythischen guten alten Punkrock-Zeiten, sondern die alten Tage der Römer und Urmenschen, die mindestens genauso lange her schienen. Ich träumte, dass wir drei irgendwo in einem Busbahnhof lebten. Aber sogar die Träume waren verseucht von Eifersüchteleien und Tragödien. Wenn ich Glück hatte, träumte ich davon, wie manche Ereignisse in meinem Leben möglicherweise hätten ausgehen können, statt in einer Katastrophe zu enden.
Ein Freund kam vorbei und meinte, meine Dachkammer ähnele einem Gehirn. Die dunklen Ecken und staubigen Spinnweben, die Traumlisten und Schnappschüsse, alte Erinnerungen und Schubladen voller Sorgen, alle geordnet und in Reichweite. Eine Kommandozentrale mit mir als Kommandant. Dieses Bild gefiel mir. Blieb nur die Frage, ob dies die Kommandozentrale für mein eigenes Gehirn war oder für das von jemand anderem. Ich stellte mir einfach vor, dass es das Gehirn von jemand anderem sei, und schon ging es mir wesentlich besser.

Kapitel 19 aus Aaron Cometbus: „Doppelzwei“, aus dem Amerikanischen von Jörn Morisse, Lautsprecherverlag 2004